Hamburger Bekenntnisse: Ich weine nicht, wenn der Regen fällt

Prof. Dr. Rainer Moritz und Caroline Kiesewetter in der Büchserstube des Literaturhauses im 4Stock
Prof. Dr. Rainer Moritz und Caroline Kiesewetter in der Büchserstube des Literaturhauses im 4Stock

 

Im Gespräch mit dem Leiter des Literaturhauses Rainer Moritz
Er ist nicht nur Literaturkritiker und liest unzählige Bücher. Rainer Moritz schreibt auch unzählige. Sein letztes Werk „Schlager“ hat uns zusammengebracht. Der Autor liest dann aus seinem Buch, und ich singe die dazugehörigen Schlager. Ein echter Spaß, denn der bekennende Schlager-Liebhaber nimmt mit einem Augenzwingern und dem nötigen Humor die Texte der Gassenhauer der letzten 70 Jahre auseinander.

Seit 2005 leitet Rainer Moritz das Literaturhaus in Hamburg. Es ist die zweitälteste Einrichtung dieser Art in Deutschland und feiert nächstes Jahr sein 30 jähriges Bestehen.

 

Warum Literatur? Warum nicht Schlagersänger?
Zum Schlagersänger war die Stimme zu schlecht. Ich habe schon in der Schule gern gelesen und mich mit Büchern befasst. Später habe ich Germanistik studiert und wollte Lehrer werden. Dann bin ich irgendwann bei der Literatur hängen geblieben. Was anderes kann ich nicht.

 

Sind die neuen Medien ein Problem für die Literatur?
Ich glaub die Literatur profitiert von den neuen Medien. Autoren können viel schneller recherchieren und zum Beispiel bei Wikipedia nachschlagen. Ein tatsächliches Problem ist, dass die Lesekapazität der Menschen kleiner wird. Durch Netflix und Facebook ist man permanent mit anderen Dingen beschäftigt und abgelenkt. Doch der Tag hat leider immer noch nur 24 Stunden. Umfragen bestätigen, dass die Zahl der Leser nicht wächst, sondern eher sinkt. Aber die die lesen, lesen eher noch mehr als früher.

 

Was ist die Aufgabe eines Literaturhauses?
Literaturhäuser sind in Deutschland in den 80er Jahren entstanden. Parallel in mehreren Städten. Ziel war es damals, und das gilt bis heute, der Literatur einen festen Ort zu geben. Wir veranstalten klassische Lesungen für Erwachsene, philosophische Diskussionsrunden und bieten ein sehr umfangreiches Kinder- und Jugendprogramm an. Insgesamt sind es rund 120 Veranstaltungen im Jahr und diese zu organisieren und auf die Beine zu stellen ist eine der Hauptaufgaben des Teams des Literaturhauses.

Was kann Literatur verändern und bewirken?
Wir sprechen ja von ausgedachten Geschichten und die habe glaub ich die Wirkung, das Bewusstsein und die Sehweisen zu verändern.

Ein Roman kann manchmal eine konkrete Lebenshilfe sein, weil man als Leser das Gefühl hat: „Ja, so können die Dinge auch passieren“. Die Hauptfunktion von Literatur ist für mich, die Augen zu öffnen.

Wird sich die Literatur durch die Zuwanderung von Flüchtlingen verändern? Oder hat sie das sogar schon?
Natürlich verändert sie sich. Sie verändert sich sofort, stündlich, laufend. Wir haben in der deutschsprachigen Literatur einen großen Anteil von Autoren, die nicht in Deutschland geboren sind, die deutsch erst als zweite Sprache erlernt haben. Sie gehen neu mit ihr um und schreiben anders. Es entwickelt sich eine ganz neue Autorenschaft. Sie spricht ein anderes Deutsch, als jemand, der zum Beispiel in Stuttgart geboren und aufgewachsen ist und immer stuttgarterisch gedacht und geschrieben hat. Wenn jemand aus ganz anderen Kulturkreisen kommt und hier in Deutschland beginnt Romane zu schreiben, dann ist das eine völlig andere Sache. Deswegen gibt es viele Veranstaltungsformen, die dieses Thema nätürlich bewusst aufgreifen.

Prof. Dr. Rainer Moritz Caroline Kiesewetter
Prof. Dr. Rainer Moritz Caroline Kiesewetter

Wie kommt es zu Ihrer Liebe zum Schlager?
Ich bin musikalisch „falsch“ sozialisiert worden. Das heisst ich habe als 13jähriger eben nicht die Rolling Stones, sondern Bernd Clüvers „Der Junge mit der Mundharmonika“ gehört. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht haben die Eltern versagt. Ich habe die falschen Sachen gehört und mich dann immer weiter mit dem Schlager beschäftigt. Das verschafft mir heute einen großen Vorsprung. Ich bin der einzige Literaturhausleiter in ganz Deutschland, der gefragt wird, ob ich einen Nachruf auf Jürgen Marcus oder Karel Gott schreiben will. Das sind große Vorteile im schwierigen Mediengeschäft.

 

Wie passt Schlager mit klassischer Literatur zusammen?
Es ist leicht, sich über den Schlager lustig zu machen. Was mich immer interessiert hat, ist zu unterscheiden. Warum bezeichnet man dieses Gedicht als hohe Literatur und jenen Schlagertext als niedere? Allein um diese Vergleiche anzustellen, bin ich immer sehr dafür, sich auch mit dem „Trivialen“ zu beschäftigen. Deswegen lese ich auch immer wieder mal reine Unterhaltungsromane, reine Schmöker, um einfach ein Vergleichspotential zu haben und um sehen zu können, wie die eigenen Kriterien geschärft sind. Beim Schlager kommt natürlich hinzu, dass er ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, der kulturellen Entwicklung. Man kann bestimmte politische Strömungen der bundesrepublikanischen Geschichte der 50er, 60er und 70er Jahre nachzeichnen. Was wurde damals gehört? Welche Themen wurden besungen? Wann hat sich etwas verändert in der Gesellschaft? Der Schlager ist ein Spiegel der kulturellen Entwicklung.

Ein paar Fragen zu Hamburger Händlern und Freunden und Partnern des Hamburg-Führers
95 Jahre Buchhandlung Felix Jud!
„Keine Frage, das ist die Edeladresse unter den Hamburger Buchhandlungen. Ein noble Einrichtung, in der erlesene Belletristik, antiquarische Besonderheiten und der Kunsthandel eine gute Allianz bilden – verbunden mit einer hoch interessanten Geschichte, in der auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Feuersbrünste eine wichtige Rolle spielen.“

90 Jahre Heymann!
„Buchhandlungen, die sich nach und nach vergrößern und filialisieren, genießen unter Buchenthusiasten nicht immer den besten Ruf. Das Buchhaus Heymann hat es geschafft, als großer regionaler Player mit vielen Filialen zu agieren und zugleich in engem, persönlichem Bezug zu den Hamburgerinnen und Hamburgern zu bleiben. Und so ist der Heymann-Ruf zu Recht ein guter Ruf.“

Verraten Sie mir Ihren Lieblingsplatz in Hamburg?
Ich bin gern im Jenisch Park, wenn niemand da ist, außer mir.

 

 

Die „Beiden” sind auf Schlagerreise

Rainer Moritz liest aus seinem Buch „Weine nicht wenn der Regen fällt”
Eine Schlagerreise von Rudi Schuricke bis Helene Fischer
CarolineKiesewetter singt am 13 juli  im Haus am Kliff, Wennigstedt auf Sylt

Singt und swingt für Hamburg und uns Caroline Kiesewetter

Aktuelle CD „Mal laut mal leise” einmal reinhören?